Frühjahrsprogramm 2021/I

 

  Die gebuchten Kurse laufen im Online- 

  Betrieb über skype/Zoom wie schon vorher

  in 2020/II, was einwandfrei funktioniert.

 

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Verlegung der

Jahresmitgliederversammlung 2021

 

  Die für Freitag, 05.02.2021 angekündigte

  Jahresmitgliederversammlung muß coronabedingt

  auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden.

 

  Der Vorstand wird Sie innerhalb der satzungs-

  gemäßen Frist verständigen. Als Termin könnte

  man den Herbst ins Auge fassen, weil bis dahin

  eine größere Anzahl von Einwohnern geimpft sein

  sollte . Inzwischen kommen noch weitere Impf -

  Vakzine wie das Tübinger Curevac von dem

  Biologen Ingmar  Hoerr, einem Pionier der

  mRNA - Forschung zur Anwendung.

 

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Der Dichter des größten Risikos

 

Dantes «Göttliche Komödie» zeugt von unglaublichem menschlichem Wagemut Er war auf der Flucht und fürchtete, verrückt zu werden. Doch dann begann Dante mit der Niederschrift des vielleicht grössten poetischen Werks überhaupt. Und er vollendete es – die «Commedia» hat uns auch 700 Jahre nach Dantes Tod viel über Freiheit, Risiko und das moderne Leben zu sagen. Robert Harrison 13.04.2021, 05.30 Uhr – Neue Zürcher Zeitung

Porträt Dante Alighieris (1265-1321) von Luca Signorelli, 1500/1504,

     Orvieto, Dom.                                                 Nimatallah / Akg-Images

 

Dante, der italienische Dichter und Denker, lebte in einer Zeit, die so aufgewühlt und zersplittert wie unsere war. In einer Zeit sich schnell ablösender politischer Umbrüche. Er konnte sich keine Ruhe leisten, als er mit der «Göttlichen Komödie» begann. 1306, vier Jahre nach seiner Verbannung aus Florenz und vierzig Jahre alt, war er in einer schweren Krise und einer existenziellen Sackgasse – verlassen, verloren und deprimiert.

Mit Unbeweglichkeit geschlagen, wird er uns im ersten Gesang des «Inferno» vorgeführt. Licht aus dem Jenseits bescheint den Gipfel eines Bergs, doch Dante kann nicht weitergehen. Als Vergil in dieser Szene auftaucht, sagt er zu Dante: «Du musst dich an einen anderen Weg halten.» Tatsächlich führt die Strecke zum Gipfel nach unten, eben durch das Innere der Erde. Das heisst, nur eine grundlegende Umkehr, nur das, was die christliche Tradition eine «Konversion» nennt, kann ihm helfen, aus seiner Lähmung herauszukommen und sich wieder zu bewegen.

Wer war dieser Dante, der zu einer Reise durch Hölle, Fegfeuer und Paradies aufbrach? Niemand vor ihm hatte je etwas Ähnliches gewagt. Und nichts in seinem Leben hatte Dante bis dahin darauf vorbereitet, in der ersten Person Singular das christliche Epos zu schreiben, das er sich vorstellte – und das tatsächlich der einzige Text dieser Art in der Literaturgeschichte bleiben sollte.

Der durch die Hölle ging

Dante konnte mit der Arbeit an der «Komödie» nicht beginnen, ohne eine Gesamtvorstellung von ihrer erhabenen Architektur aus drei Teilen, hundert Gesängen, neun Kreisen der Hölle, neun himmlischen Sphären und vielen anderen Elementen zu haben. Kein Wunder also, dass sowohl der Held des Gedichts wie sein Autor kalte Füsse bekamen. «Wer bin ich, um so etwas zu wagen?», fragt er Vergil im zweiten Gesang des «Inferno». «Wenn ich mich auf so eine Reise einlasse, dann steht zu befürchten, dass ich von Sinnen bin.»

Wir sollten Dante an dieser Stelle beim Wort nehmen. Denn kopfüber in die Unterwelt abzusteigen, ohne die Gewissheit einer Rückkehr, das musste wie das Unternehmen eines Mannes wirken, der «von Sinnen» war. Zumal er nicht modern genug sein konnte, um zu glauben, dass die Hölle eine Fiktion war.

Dante erzählt uns, dass er mit Körper und Seele in ihren Pesthauch abstieg (Frauen in den Strassen von Verona zeigten auf ihn als den, «der in die Hölle gegangen war»). Vergil dagegen wirft ihm seine Furcht vor. «Deine Seele ist von Feigheit verwundet», erklärt er, «warum kannst du nicht kühn sein?» So beschimpft von dem, der ihn durch die Unterwelt führen wird, atmet Dante tief durch, nimmt allen Mut zusammen und macht sich auf zu dem gefährlichsten Abenteuer, das ein Dichter je unternahm.

Das Risiko der «Göttlichen Komödie» liegt in der äusserst hohen Wahrscheinlichkeit ihres Scheiterns. Nicht allein ist Dante als Dichter für das Gelingen eines solchen Epos nicht hinreichend ausgerüstet, man musste in der Wirklichkeit jener Zeit auch damit rechnen, dass sein Leben noch vor dem Gedicht zum Ende käme (und eine unvollendete «Commedia» hätte wie ein peinlicher Fehlschlag gewirkt).

Das Gedicht abzuschliessen, verlangte dauerhafte Gesundheit und dauerhaftes Glück im Angesicht von Armut, Not und vielfältigen Widrigkeiten. Dante war ein Ausgestossener, der von der Gnade wankelmütiger Schutzherren abhing, immer auf der Flucht und ohne Zuhause in einer gewaltsamen Welt voller Gefahren. Jeder Spezialist, der sich heute mit der «Göttlichen Komödie» befasst, braucht Zugang zu einer gut bestückten Bibliothek, doch Dante hatte alle Bücher zurückgelassen, als er eilig aus Florenz floh.

Das Vorbild: Odysseus

Während der Jahre seines Schreibens an der «Commedia» trug er eine Bibliothek vor allem in Form seines erstaunlichen Gedächtnisses mit sich. Je mehr man also die vielen Gründe in Rechnung stellt, die gegen den Abschluss des Gedichts sprachen, desto stärker drängt sich der Gedanke auf, dass wir es einem übermenschlichen Ursprung verdanken («Himmel und Erde haben zu dem heiligen Gedicht beigetragen», nimmt Dante im fünfundzwanzigsten Gesang von «Paradiso» in Anspruch).

Die Risiken, die mit einer epischen Reise durch das Leben nach dem Tod verbunden waren, übersah Dante keinesfalls. Nirgends wird dies deutlicher als an seinem Porträt des Griechen Odysseus, dessen Geschichte er in Gesang sechsundzwanzig des «Inferno» neu erzählt. Er stellt ihn als einen wagemutigen Abenteurer vor, der, statt nach Ithaka heimzukehren, zur Meerenge von Gibraltar segelt, wo die Säulen des Herkules die Seeleute vor dem Weiterfahren warnen.

Entschlossen, «Tugend und Wissen» zu suchen, schlägt Odysseus die Warnung in den Wind und stösst, das Risiko eines Unglücks annehmend, in die «unbesiedelte Welt» des Südens vor. Fünf Monate später erblicken er und seine Mannschaft einen riesigen Berg, der sich als Berg des Fegfeuers (auch Läuterungsberg genannt) erweisen wird. Aber bevor sie sich noch darüber freuen können, kommt ein Sturm aus dem «neuen Land» über sie, der das Schiff versenkt und die Mannschaft ertrinken lässt.

Wenn Dante in der «Göttlichen Komödie» ein Alter Ego hat, so ist dies Odysseus. Wie Odysseus macht er sich auf und geht «mit Verwegenheit dahin, wohin noch niemand gegangen ist», um das Motto der Fernsehserie «Star Trek: Enterprise» zu zitieren. Odysseus, kann man sagen, war der erste lebende Mensch, der den Südpol erreichte. Dante war der zweite. Odysseus überquerte auf seiner Reise die ganze Welt und endete tragisch, wie es sich für einen Heiden gehörte. Stattdessen ging Dante auf seiner Reise durch das Innere der Erde und erreichte erfolgreich, genauer gesagt: erreichte «in seinem Gedicht», das Ufer des Läuterungsbergs, wie es sich für einen Christen gehörte, dem – im Gegensatz zu dem Heiden Odysseus – Erlösung als Möglichkeit offenstand.

Doch Dantes Reise endet nicht am Läuterungsberg. Von seinem Gipfel wird er zu einem Ort gehen, den sich Odysseus nicht hatte vorstellen können, nämlich zum Himmel. An einer frühen Stelle des «Paradiso» drängt Dante die Leser, nicht in ihren «kleinen Booten» seinem Schiff weiter zu folgen und zu vertrauten Ufern zurückzukehren. Da steht: «Wagt euch nicht hinaus aufs hohe Meer. Verliert ihr mich, seid ihr vielleicht verloren. Noch nie hat jemand die Wasser durchfahren, zu denen ich mich jetzt aufmache.» In diesen Versen klingt die Erinnerung an das Schicksal des ungestümen Odysseus an.

Zweimal spricht Dante über die Reise des Odysseus als ein Unternehmen «von Sinnen», mit denselben Worten also, die er im zweiten Gesang des «Inferno» gebrauchte, um Skepsis gegenüber seiner eigenen Expedition auszudrücken. Und wahrhaftig könnte nichts risikobeladener sein als Dantes Aufbruch in den dritten Teil der «Komödie». Das Reich des Paradieses liegt ausserhalb der menschlichen Sprache, ja ausserhalb dessen, was sich Menschen vorstellen können. Es ist in jedem Sinn des Begriffs «ekstatisch», und über dreiunddreissig Gesänge sieht sich Dante der unmöglichen Aufgabe gegenüber, Wörter, Bilder und Konzepte für eine Erfahrung zu finden, die jenseits des Darstellbaren bleibt.

Der Punkt der höchsten Spannung

Daraus entstand ein in seiner Poetik besonders dramatischer Teil des Gedichts. Das «Paradiso» setzt auf einer derartigen Höhe der Entrückung ein, dass ein Nachlassen der Intensität kaum vermeidlich scheint. Dieses Risiko eines Abgleitens gibt dem Text seine schier unerträgliche Spannung, dank der es Dante gelingt, die Ekstase von Gesang zu Gesang, von Himmelssphäre zu Himmelssphäre weiter zu steigern. In Momenten erfüllter Intuition, inhaltlichen Dunkels, sinnlicher Überlast und orgiastischer Entladung vollzieht sich die Reise in die Höhe. Von Sphäre zu Sphäre werden die «Tore der Wahrnehmung» des Pilgers vom Hauch der Unendlichkeit weiter gereinigt und weiter geöffnet.

Im obersten Bereich des «Paradiso» ruft Dante dann noch einmal den Odysseus auf. Vor der Schwelle zwischen weltlicher Raum-Zeitlichkeit und dem Himmel erwähnt er den «die Sinne hinter sich lassenden Sprung des Odysseus». Wird Dante auch – wie Odysseus – in einem Akt der Selbstüberforderung scheitern? Nach dem Höhepunkt der «Augen-Taufe» durch den Fluss des Lichts im dreissigsten Gesang des «Paradiso» hält man es für unmöglich, dass eine solche Intensität der poetischen Darstellung noch für drei weitere Gesänge anhalten kann. Und doch gelingt es Dante mit immer neuen «die Sinne hinter sich lassenden Sprüngen», sein Gedicht im grossen Gewitter des letzten Gesangs durch die erhabene Vision «der Liebe, welche die Sonne und die anderen Sterne bewegt», zu Ende zu bringen.

Bis heute ist Dante der einzige Dichter, der in solch körperlicher Gegenbewegung zur Unmöglichkeit der Darstellung «das Paradies beschrieben» hat. Im siebenhundertsten Gedenkjahr seines Todes sind wir dankbar, dass er ein Jahr nach – und nicht ein Jahr vor – der Vollendung des «Paradiso» starb.

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Robert Pogue Harrison ist Rosina-Pierotti-Professor für italienische Literatur an der Stanford University und einer der bedeutendsten Dante-Spezialisten unserer Zeit. Auf Deutsch sind im Hanser-Verlag seine Bücher zur Philosophie der Natur erschienen. – Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hans Ulrich Gumbrecht.­­

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